Das Wunder des Lebens. Oder: warum ich vegan geworden bin.

(Von Lena)

Ich bin mit Fleisch auf dem Teller aufgewachsen. Hab es immer gern gegessen, mochte den Geschmack. Auch als Erwachsene habe ich das Fleischessen zelebriert. Zu Thanksgiving einen aufwändigen Truthahnfestschmaus mit gefülltem Truthahn. Zu Ostern Brunch mit Wurst- und Schinkenplatte, bunt gefärbten Eiern, Käseteller, Joghurt, Milch, Butter – eben alles was zu einem genussvollen Essen mit lieben Menschen dazu gehört. Das Thema Ernährung war mir immer schon wichtig. Ich wollte mich vor allem gesund ernähren und meinem Körper mit ausgewogener Kost Energie liefern. Wohl deshalb habe ich vor einigen Jahren angefangen, mich mit Biolandbau und Bioprodukten auseinanderzusetzen. Ab da gab es für mich nur noch Bio-Fleisch, Bio-Milchprodukte und Bio-Eier. Für meinen Körper nur das Beste. Und wenn's der Umwelt auch gut tut – umso besser.

Der Übergang zu der Entscheidung „Fleisch, nein danke“ kam vor 3 Jahren, nach 27 Lebensjahren mit Fleischessen als etwas völlig Selbstverständlichem. Ich konnte es damals gar nicht rational erklären. Rein vom Gefühl her stimmte es für mich einfach nicht mehr, tote Tiere zu essen. Milch, Käse, Eier, Joghurt und Butter habe ich aber nach wie vor geliebt und die Herstellung dieser Lebensmittel auch nicht gross hinterfragt. Mir kam sowieso nur „bio“ ins Haus und das war für mich genug. Mehr musste ich nicht wissen.

Irgendwann wurde ich, die als klassisches Stadtkind aufgewachsen war, neugierig auf „den grünen Lebensstil“. Ich wusste nicht, wie Kartoffeln von oben ausssehen, kannte sie nur aus dem Supermarktregal. Hatte keine Ahnung, wie Kohlrabi wächst – vielleicht als Strauch? So wichtig es mir immer gewesen war, mich gesund zu ernähren – ich hatte nie hinterfragt, wie diese Lebensmittel hergestellt werden.

Ich begann, in einem Gemeinschaftsgarten und auf Bio-Betrieben mitzuhelfen. Einfach so, um mir das mal anzuschauen. Und war völlig überrascht zu merken, wie sehr es mir Spass machte! Wieder in Kontakt mit dem Ursprünglichen zu sein. Zu erleben, wie langwierig der Prozess vom kleinen Gemüsesamen über die Pflanze bis hin zum erntebereiten Gemüse ist (es dauert MONATE!). Knöchelhoch im stinkenden Kuhdung zu stehen. Von Kälbern abgeschlabbert zu werden. Kühe als Tiere mit unterschiedlichen Persönlichkeiten kennen zu lernen. Frische Luft und grüne Wiesen um mich herum zu sehen, statt Autoabgas-Stadtluft und betonversiegelten Boden. Ich liebte es. Besonders stolz war ich, als ich zum ersten Mal eine Kuh gemolken habe. Natürlich im automatisierten Melkstand – kein Landwirt, der mit Kuhmilch Geld verdienen möchte, melkt seine Kühe per Hand. Also half ich regelmässig auf einem Biobetrieb beim Kühemelken. Zwei Mal am Tag, frühmorgens und frühabends, trottete die Kuhherde, die aus knapp 50 milch“produzierenden“ Kühen bestand, durch den Melkstand. Ging auf der einen Seite mit prallem, milchgefülltem Euter hinein und auf der anderen Seite um 8 bis 14 Liter Milch erleichtert wieder hinaus. Ich fands super. Hab die Kuhdamen freundlich angetrieben, ihnen während dem Melken gut zugeredet und war begeistert, so eng in Kontakt mit diesen beeindruckenden Tieren zu sein.

Eines Tages war es soweit und ich durfte die Geburt eines kleinen Kalbes hautnah miterleben. Die Kuh, es war ihr erstes Kalb, war schon seit einigen Stunden unruhig gewesen und der Bauer meinte, sie würde bald in die Wehen kommen. Ich konnte es kaum erwarten. Die Kuh lag auf dem strohbedeckten Stallboden, ein paar Zentimeter „Etwas“ schauten bereits aus ihr heraus. Dann ganz ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, kamen kleine Hufe zum Vorschein. Dann – wieder ganz langsam - eine kleine violette Zunge und eine kleine Schnauze. Dann Pause. Die Kuh atmete schwer, die Geburt war sichtlich anstrengend für sie. Der Bauer unterstützte seine Kuh so gut er konnte. Zog bei den Presswehen an den dünnen Beinchen, die aus ihrem Leib herausragten. Massierte ihr den Schwanzansatz. Redete ihr gut zu. Nach viel Pressen und minutenlangem Ziehen war endlich der kleine Kopf des Kuhkalbs draussen. Der Bauer meinte, das Schwierigste sei überstanden. Das kleine Kalb dürfe mit dem Kopf nicht zu lange im Geburtskanal stecken, da es sonst ersticken könne. Dann noch ein paar starke Presswehen und der Kalbskörper war geboren. Sie war völlig erschöpft. Der Bauer legte das kleine Kalb neben seine Mutter, damit sie es beschnuppern könne. Sie war nach den Anstrengungen der Geburt so kraftlos, dass sie erstmal ihren Kopf auf die Schulter des Bauern legte und sich an ihn schmiegte. Als ob sie seine Anerkennung und seinen Trost nach der überstandenen Geburt haben wollte. Dann wendete sie sich ihrem Kalb zu. Beschnupperte es sanft und begann, es liebevoll abzulecken. Das kleine Kälbchen machte den Eindruck, als wisse es überhaupt nicht, was mit ihm geschehe. Als seine Mutter begann es abzulecken, fasste es Vertrauen und schmiegte sich an sie. Ich war ganz verzaubert von der Atmosphäre, berührt, dass ich den Moment erleben durfte, in dem ein neues Leben auf die Welt kommt. Mein Herz war erfüllt von Dankbarkeit und allumfassender Liebe (ja, das klingt esoterisch, aber genau so war es). 

Keine halbe Stunde nach der Geburt - Mutter und Kind lagen noch immer auf dem strohbedeckten Boden und lernten sich gerade kennen; die Nachgeburt der Mutterkuh war noch nicht abgegangen – kam der Bauer mit einer strohgefüllten Schubkarre. Er hob das kleine Kalb auf, legte es in die Schubkarre und fuhr damit in das angrenzende Gebäude, den Kälberstall. Dort wurde das kleine Kälbchen - sein Fell noch nass vom Fruchtwasser und es konnte noch nicht stehen - in eine Einzelbox gelegt. Von da an waren Mutter und Kind getrennt.

Die Kuh wurde ab dem nächsten Tag gemolken: denn die Milch, die natürlicherweise für das Kuhkalb bestimmt ist, fliesst an den Menschen. Das kleine Kälbchen bekam die ersten paar Tage die Milch seiner Mutter aus einem Tränkkübel mit Saugaufsatz. Danach bekam es – wie die anderen Kälber – ein Milchgemisch, das aus dem grossen Milchtank (in den die Milch aller gemolkenen Kühe fliesst) abgezapft wurde. Die Kuh wird ab nun jedes Jahr einmal künstlich befruchtet. Wird jedes Jahr ein Kalb gebären, das ihr kurz nach der Geburt weg genommen wird. Wird jedes Mal nach der Geburt durch den Melkstand trotten, wo der prall gefüllte Euter abgemolken wird. Das kleine Kälbchen, ein Mädchen, wird genau den selben Werdegang erleben. Ab dem zweiten Lebensjahr wird sie jedes Jahr künstlich befruchtet werden, ein Kalb gebären, das ihr kurz nach der Geburt weg genommen wird und die Milch im Melkstand abliefern.

In dem Moment, wo ich das kleine nasse Kälbchen, dass soeben erst auf diese Welt gekommen war, völlig alleine in der Einzelbox liegen sah, wurde mir klar, dass der Mensch sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Die Milch der Kuh ist Muttermilch und für das kleine Kalb bestimmt. Wer sind wir, dass wir diesen vorbestimmten Naturkreislauf stören? Wer sind wir, dass wir den Kühen ihre Kinder wegnehmen um deren Muttermilch zu trinken?!

Das Leid, das damit verursacht wird, kennt keine Worte. Auf der einen Seite eine dauerschwangere Kuh, die all die Mühen der Schwangerschaft und Geburt Jahr um Jahr durchsteht und niemals eines ihrer Kinder bemuttern darf und somit eines ihrer tiefsten Grundbedürfnisse verleugnet sieht. Dazu jedes Jahr ein Kalb, dass allein und ängstlich in die Welt geworfen wird um auch Produkt zu werden. Auf der anderen Seite der Konsument, der Lust auf ein Glas artfremde Muttermilch hat. Von da an war für mich klar, dass ich keine Kuhmilch mehr trinken mochte. Und dass ich keine Produkte mehr essen mochte, die aus einer Milch hergestellt werden, für deren Gewinnung ein kleines Kuhkind von seiner Mutter getrennt wird. 

Lena