Vortrag von Prof. Dr. Markus Wild, Das Tier und wir: Hunde, Schweine, Personen

Schweine, Hunde und Personen – so lautete das Thema des Vortrages, anlässlich dessen Markus Wild den Hof Narr in Hinteregg besuchte. Markus Wild ist Professor für Philosophie an der Universität Basel und hat sich unter anderem auch mit der Forschung über nichtmenschliche Tiere und deren Bewusstsein einen Namen gemacht.

Nutztier, Haustier, Wildtier?

Markus Wild präsentierte dem zahlreich erschienen Publikum, das in der Scheune auf Heuballen und Stühlen aller Art platzgenommen hat, einen elaborierten und kurzweiligen Vortrag. Als Hilfskonstrukt schlug er dem Publikum zunächst die Unterteilung des nichtmenschlichen Tierreichs in Nutztiere, Haustiere und Wildtiere vor, die aber gegen Ende des Vortrages ihre Gültigkeit wieder verlieren sollte.

Mit Schweinen und Hunden stellte er zwei Tierarten in den Vordergrund, die gemäss der vorgenommen Unterteilung klar den Nutz- beziehungsweise den Haustieren zugeordnet werden können. Schnell wird klar, warum die Wahl auf diese Tiere, die übrigens beide unweit des Vortragenden präsent waren, gefallen ist. Die gesellschaftlich akzeptierte Unterscheidung, dass Hunde zwar liebevolle, soziale und intelligente Mitgeschöpfe sind, Schweine aber ohne Probleme eingepfercht in enge Ställe ohne Tageslicht ihr Dasein verbringen müssen, um in Form von Fleisch dem Menschen Genuss zu ermöglichen, erweist sich schnell als Doppelmoral.

Hunde und Schweine im Vergleich

Beide – Schweine und Hunde – , so Markus Wild, sind in der Lage, sich in Situationen so zu verhalten, dass sie die Kriterien erfüllen, sozial und intelligent genannt zu werden. Schweine und Hunde können also als gleichwertig betrachtet werden. Diese müsste auch Auswirkungen auf die Art und Weise haben, wie Menschen mit ihnen umgehen, was aber nur in einem Fall gegeben ist: Missstände in Haltung und Instrumentalisierung zu einem Zweck werden bei Hunden – Wild nennt als Beispiel die Bernhardiner, die in Zermatt für Touristen auf Erinnerungsfotos posieren müssen und äusserst schlecht gehalten werden– abgelehnt, während bei Schweinen auch das Töten für den Genuss von Fleischprodukten akzeptiert wird.

An dieses Beispiel angelehnt, formuliert Markus Wild ein philosophisches Argument:

Hunde behandeln wir mit grosser Fürsorge, Schweine hingegen mit grosser Gleichgültigkeit. Doch besteht gemäss Markus Wild die Pflicht, Gleiches auch gleich zu behandeln. Eine Konklusion des Arguments könnte also heissen, dass wir auch Schweine mit grosser Fürsorge behandeln sollten.

Menschliche Sympathien sind willkürlich

Doch diese – zumindest in Tierrechtskreisen – gemeinhin akzeptierte Konklusion hat ein hässliches Geschwister: Statt Schweine mit grosser Fürsorge könnte man fortan auch Hunde mit grosser Gleichgültigkeit behandeln. Und dies erst noch ohne damit den Grundsatz, Gleiches gleich zu behandeln, zu verletzten. Wild illustriert diese Praxis mit Beispielen aus anderen Kulturen, in denen Hunde nicht als bester Freund des Menschen gelten.

Damit zeigt Markus Wild die Brüchigkeit ethischer Argumente, die auf menschlichen Sympathien gründet. Diesen haftet jederzeit ein Moment der Willkür an, das es aus ethischen Diskussionen auszuschliessen gilt. Damit wird aber auch der ebenso willkürlichen Unterteilung des nichtmenschlichen Tierreiches der Boden entzogen. Vielmehr fordert Markus Wild, den Hebel an anderer Stelle anzusetzen: der Empfindungsfähigkeit von Tieren.

Tiere haben fundamentale Interessen…

Wird die direkte Untersuchung der nichtmenschlichen Tiere bevorzugt, lässt sich der Umweg, der mit menschlichen Klassifizierungen verbunden ist, geschickt umgehen. Damit wird einerseits die Möglichkeit bereitet, die fundamentalen Interessen der nichtmenschlichen Tiere in den Blick zu nehmen; andererseits kann die These entkräftet werden, dass es Privatsache sei, was ein Mensch isst – zumal, wenn es sich dabei um Fleisch von empfindungsfähigen Tieren handelt.

Markus Wild unterstreicht in diesem Zusammenhang einen wichtigen Punkt: Empfindungsfähige Tiere haben Interessen. Was mit ihnen passiert, geht sie etwas an. So haben sie beispielsweise die Interessen, nicht körperlich und mental versehrt zu werden, nicht getötet zu werden und nicht gefangen zu sein. Wird also die vorgenommene Unterteilung aufgehoben und wird in einem nächsten Schritt den empfindungsfähigen Tieren ein Status als Person zugesprochen, hat dies Auswirkungen auf unser Handeln.

… und diese gilt es zu respektieren

Einerseits müssen wir dafür sorgen, dass diesen Tieren keine Schmerzen zugefügt werden. Doch diese Forderung geht weiter als das blosse Propagieren dessen, dass wir Tiere vor dem Schlachten betäuben müssen. Denn: Wenn ein empfindungsfähiges Tier getötet wird (schmerzlos oder nicht), wird ihm dadurch ein Schaden zugefügt, nämlich die irreversible Vernichtung der Chance auf positive Empfindungen. Andererseits kann von allen verlangt werden, dass die Interessen von empfindungsfähigen Tieren berücksichtigt werden. Fleischessen kann somit unmöglich Privatsache sein, da damit immer eine Verletzung der Interessen empfindungsfähiger Tiere verbunden ist, die jeder ethischen Grundlage entbehrt.

Im Anschluss an den Vortrag stellte sich Markus Wild den Fragen des Publikums. Unter anderem wurde diskutiert, ob ein nichtmenschliches Tier notwendigerweise eine Vorstellung seiner eigenen Zukunft haben müsse, damit es nicht geschlachtet werden darf, was Markus Wild verneinte. Ansonsten wäre es auch legitim, Kleinkinder oder geistig behinderte zu töten. Vielmehr spielt es eine Rolle, ob ein Lebewesen objektiv gesehen die Möglichkeit einer Zukunft hat, die mit Erfüllung positiver Interessen verbunden ist.

Nach Beendigung des Vortrages setzte sich der Anlass vor der Scheune fort. Dort stellte ein veganer Apéro riche unter Beweis, dass Genuss auch ohne Verletzung fundamentaler Interessen möglich ist. Der Abend bot reichhaltige Gelegenheit, sich zu unterhalten und Argumente auszutauschen. Der Hof Narr dankt allen Gästen und an dieser Stelle auch noch einmal Markus Wild mit Familie für ihr Erscheinen.